Trierer Blutsegen

10. Jahrhundert nach Christus

Hs 40/1018 8° f 19v
Zaubersprüche im Althochdeutschen

'Trierer Pferdesegen' und 'Trierer Blutsegen' gehören beide zu den ältesten deutschen Zaubersprüchen. Da sie dem christlichen Gedankenkreis zuzuordnen sind, bezeichnet man sie als Segensformal. Unterschieden wird generell zwischen unchristlichen Zaubersprüchen und christlichen Segen.
Eine Vielzahl von Zaubersprüchen, die uns aus althochdeutscher Zeit vorliegen, verweisen auf ein starkes Bedürfnis, diese beispielsweise gegen Krankheiten einzusetzen.

Relevanz
Der frühmittelalterliche Mensch sieht sich Naturgewalten gegenüber abhängig und stellt sich die Natur als von Elementargeistern belebt vor, welche ihm schaden, beispielsweise in Form von Blitzen. Aus diesem Grund versucht der Mensch, Schutz vor diesen Kräften zu gewinnen. Man versteht sich und die Natur zu dieser Zeit als Teil eines Ganzen, des Kosmos, jedoch befindet sich die Ordnung des Kosmos in einem labilen Zustand. Sobald ein Teil dieses Kosmos in Unordnung gerät, sei es durch Krankheit oder ähnliches, sind die Menschen verpflichtet, ihren Beitrag zur Festigung des Kosmos zu leisten. Eines ihrer wichtigsten Mittel hierbei ist das gesprochene, zauberkräftige Wort. Zunächst muss das beschwörende Wort erfunden werden, dann kann es auch von anderen in seiner vollen Wirkungskraft verwendet und als feststehende Formel von Geschlecht zu Geschlecht übermittelt werden.

Zweigliedriger Aufbau
Wird nun die Ordnung des Kosmos durch eine Krankheit gestört, werden mittels der Zauberformel Gegenmaßnahmen eingeleitet. Jedoch steht es innerhalb der Formel erst an zweiter Stelle, der Krankheit anhand von materiellen Mittel beizukommen. Zuerst muss die Ordnung des Kosmos wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Hierzu dient die Analogie-Magie: Die Krankheit, als Teil des Mikrokosmos, ereignet sich ebenso im Makrokosmos und wird deshalb im Zusammenhang mit letzterem gesehen. Was sich im Makrokosmos vollzieht, geschieht demnach gleichsam im Mikrokosmos. Deshalb setzt man im Rahmen der Zauberformel die Situation voraus, in der die Krankheit zum ersten Mal in Erscheinung trat. Indem der Mythos der ersten Besiegung dieser Krankheit wiedergegeben wird, wird Urzeitgeschehen aktualisiert, wiederholt und gegenwärtig gemacht. Im Fall des Trierer Pferdesegens zeigt sich diese erwähnte Analogie-Magie wie folgt: So wie man einst dem Pferde St. Stephans Hilfe zukommen ließ, bringt man dem kranken Pferd des Hier und Jetzt durch Christi Gnade Hilfe.
Aus dieser eben beschriebenen Zweiteilung von Analogie-Magie und erst danach folgender Heilung durch materielle Mittel ergibt sich der typische zweigliedrige Aufbau von althochdeutschen Segensformeln: Zunächst erscheint der Analogievorgang, dann folgt die Beschwörungsformel.