Trierer Capitulare

10. Jahrhundert nach Christus


'Trierer Capitulare' Druck S. 35 und 36
Begriffserklärung: Was sind Kapitularien?

Kapitularien (lat. capitularia) sind eine besondere Form von Rechtstexten, derer man sich heute im juristischen Kontext nicht mehr bedient. Ihren Namen erhielten sie durch ihre Form, da ihre Texte in Artikel, lat. capitula, eingeteilt waren. Sie sind Rechtsquellen aus der Zeit des Frankenreiches, die heute Aufschluss über die damalige rechtliche Situation geben können. Die fränkischen Herrscher erließen Kapitularien zur Bekanntmachung und Durchsetzung von Einzelgesetzen. Heute sind Kapitularien nur noch in Abschriften überliefert.

Einteilung
Die einzelnen Kapitularien werden in der Forschung in verschiedene Gruppen unterteilt. Seit der Zeit Ludwigs des  Frommen werden kirchliche und weltliche Kapitularien voneinander unterschieden; auch der Frankenkönig selbst nahm diese Einteilung bei den Kapitularien, die er 818/19 veröffentlichte, vor.
Es gibt jedoch auch Kapitularien, die nicht eindeutig in eine dieser beiden Kategorien – weltlich oder kirchlich – eingeordnet werden können. Daher nimmt die Forschung für Texte, die nicht ausschließlich kirchliche Fragen beinhalten, eine Einteilung in drei weitere Gruppen vor: capitularia legibus addenda, capitularia per se scribenda und capitularia missorum. Diese Einteilung wandte Ludwig der Fromme bei der Veröffentlichung seiner Kapitularien von 818/19 ebenso wie die Einteilung in kirchliche und weltliche Kapitularien an. Unter capitularia legibus addenda versteht man Artikel, die den bestehenden Volksrechten zur Ergänzung oder Abänderung angefügt werden sollten. Da es sich beim 'Trierer Capitulare' um eine solche Abänderung eines Volksrechtes handelt, wird es dieser Gruppe zugeteilt. Capitularia per se scribenda sind Artikel mit eigenem Daseinszweck, die nur vom König erlassen und aufgehoben werden konnten. Die dritte Gruppe ist die der capitularia missorum. Zu ihr gehören Artikel, die Dienstanweisungen für die königlichen oder kaiserlichen missi (Boten) enthielten und oft zugleich Verwaltungsverordnungen waren.
Da allerdings nicht alle Kapitularien ohne Weiteres in eine dieser drei Gruppen eingeordnet werden können, plädiert die Forschung für die Einführung einer Gruppe von capitularia mixta.

Entstehung
Die meisten Kapitularien entstanden unter Karl dem Großen (ca. 747/748-814) und seinem Nachfolger Ludwig dem Frommen (ca. 778-840), dessen Regentschaft die erste Fassung der Vorlage des 'Trierer Capitulare' (818/819) zugeschrieben wird. Ursprünglich in Latein geschrieben, wurden sie, zum besseren Verständnis des ungebildeten Volkes, das meist weder des Lesens noch der lateinischen Sprache mächtig war, in die Volkssprache übersetzt. Der Text des 'Trierer Capitulare' ist eine solche Übersetzung, die allerdings erst ca. 150 Jahre nach der ursprünglichen Fassung entstand.

Bekanntmachung der Kapitularien
Der mündliche Rechtsakt war in der Kapitulariengesetzgebung sehr wichtig, wichtiger als das schriftliche Dokument, denn erst die Verkündung machte das Gesetz rechtskräftig.
Der König oder Kaiser gab den wesentlichen Inhalt seiner Beschlüsse mündlich bekannt. Die Verbreitung im übrigen Reich wurde von Boten, sogenannten missi dominici oder von Grafen und Pfalzgrafen übernommen.
Aufgabe der missi dominici war es, den Betroffenen die neuen Vorschriften und die Dokumente, in denen sie enthalten waren, vorzutragen. Zu diesem Zweck wurden die Kapitularien häufig in die Volkssprache übersetzt. Außerdem sollten die missi für eine gewisse Zeit die Ausführung der neuen Verordnungen überwachen und dem König beim nächsten Reichstag darüber Bericht erstatten.
Manche capitularia wurden nach dem Reichstag, mit ausdrücklichem Auftrag der Verbreitung in deren Grafschaften, auch direkt an die Grafen übergeben. Zur Zeit Ludwigs des Frommen gehörte dies schon zu den üblichen Aufgaben der Grafen.
Des Weiteren sind wenige Fälle von ausschließlich schriftlicher Bekanntmachung erfasst. Hier wurden die Kapitularien direkt von Boten überbracht und hatten den Charakter eines Rundschreibens. Die Adressaten gehörten dann fast ausschließlich der hohen Geistlichkeit an, was eine Bekanntmachung oder Erläuterung in der Volkssprache überflüssig machte.