Trierer Capitulare

10. Jahrhundert nach Christus


'Trierer Capitulare' Druck S. 35 und 36
Sprachhistorische Eigenschaften des 'Trierer Capitulare'

Durch die Betrachtung des sprachhistorischen Hintergrunds kann man das 'Trierer Capitulare' auch zeitlich etwas genauer einordnen. Dies gelingt, indem man die innersprachlichen Merkmale der Übersetzung untersucht, aber auch durch einen Blick auf die historischen Geschehnisse.

Anhaltspunkte und Vergleichsmöglichkeiten liefern mittelfränkische Sprachdenkmäler des 10. Jahrhunderts, die feste Datierungspunkte aufweisen. Die drei folgenden mittelfränkischen Glossenhandschriften, die heute in Berlin, Antwerpen und London aufbewahrt werden, weisen spezifische sprachliche Merkmale auf, anhand derer zum Beispiel eine immer stärkere Abschwächung der Nebensilben im Laufe des 10. Jahrhunderts zu beobachten ist. Die Nebensilbenabschwächung charakterisiert den Übergang vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen. Durch ihre unterschiedlichen Ausprägungen der Abschwächung lassen sich die Handschriften in gewisse Abschnitte des Jahrhunderts einordnen.

Londoner Handschrift Harley 3095: Diese Handschrift stammt aus den Anfangsjahren des 10. Jahrhunderts. Hier gibt es ein ausgewogenes Nebeneinander von unabgeschwächten und abgeschwächten Formen. Die Abschwächung scheint zu Beginn des Jahrhunderts in vollem Gang zu sein.

Antwerpener Codex 17.4: Die Glossen der Handschrift sind nicht vor 970 entstanden, sind in ihrem Sprachstand aber auch nicht jünger als die folgende Berliner Handschrift.

Codex Berlin lat. 4°939: Der Codex wurde in den Jahren 990-993 in Köln angelegt und ist am stärksten von der Abschwächung betroffen.

Anhand dieser Vergleichsmöglichkeiten lässt sich das 'Trierer Capitulare' in das 10. Jahrhundert, jedoch nicht an dessen Anfang einordnen, da Präfixe (-> be-, end-, er-,-ver-, ge- fast ohne Ausnahme, nur einmal kommt noch die Form iruangida vor) und Enklitia (-> ne und ce haben einen abgeschwächten Vokal, ähnlich inde, umbe, unce.) meist abgeschwächt auftreten.

Betrachtet man die Übersetzungsart des Textes, fällt auf, dass es sich um eine ziemlich eng am Vorlagentext orientierte Wort-für-Wort-Übersetzung handelt, obwohl sie relativ spät im Althochdeutschen erscheint und eine hoch entwickelte Übersetzungskunst vorausgesetzt werden kann. Ist die Übersetzung tatsächlich Mitte des 10. Jahrhunderts entstanden, wäre dies nach den Hochzeiten der althochdeutschen Literatur gewesen, in der es noch keine erwähnenswerte volkssprachliche Tradition wie in der bald darauf folgenden Salierzeit gab.

Auch sprachexterne Faktoren helfen bei der Datierung des Schriftstückes weiter. Im 10. Jahrhundert gab es zahlreiche Güterschenkungen von Adligen an die Trierer Klöster, welche im Jahr 934 einsetzten. Weitere Schenkungen folgten 943, 956 und 960. Somit besteht zum einen ein begründeter Anlass für die Übersetzung einer solchen gesetzlichen Bestimmung, da diese auch für Laien entsprechend volksprachlich zusammengefasst werden mussten, um ihnen die zur Gültigkeit notwendigen Formalitäten zu erläutern. Zum anderen gibt es einige parallele Bestimmungen in den konventionellen Schenkungsformularen der Urkunden und dem 'Trierer Capitulare', die diese in einen Zusammenhang bringen. So gibt es in der sogenannten Liutgard-Urkunde aus dem Jahre 960 direkte Bezüge zur Capitulare-Übersetzung durch Einschübe volkssprachlicher Herkunft.

Aus diesen unterschiedlichen Faktoren kann man auf eine Datierung des 'Trierer Capitulare' in die Mitte des 10. Jahrhunderts, wahrscheinlich sogar auf den Anfang der 60er Jahre dieses Jahrhunderts schließen.