Trierer Verse


Hs 564/806 8° f 65v
Geheimschrift

Die 'Trierer Verse' sind der einzige althochdeutsche Text, der in Geheimschrift verfasst worden ist. Das Hauptziel der Verfasser von Geheimschriften besteht auf den ersten Blick darin, die Texte vor Unbekannten zu schützen und somit einen sicheren Transport zu gewährleisten. Die Verwendung der Geheimschriften in der althochdeutschen Glossenüberlieferung setzt erst ab der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts allmählich ein. Aus dem 8. Jahrhundert sind bisher keine geheimschriftlichen Glossen bekannt, die ältesten werden um 800 bzw. vor 850 datiert. Ihre Blütezeit erlebte die Glossenkryptographie im 10. und 11. Jahrhundert.
Im Folgenden werden verschiedene Aspekte, wie Arten von Geheimschriften und ihre Funktion beleuchtet.


Arten von Geheimschriften

1. Partielle Substitution
Es gibt insgesamt vier Partielle Substitutionsschriften in althochdeutschen Glossen: Die bfk- und die Punkte-Geheimschrift basieren auf Verschlüsselungssystemen, die dem karolingischen Traktat 'De inventione linguarum' zufolge von Bonifatius gelehrt wurden. Des Weiteren gibt es die cgl-Geheimschrift, die eine Abwandlung der bfk-Geheimschrift ist, und die Griechische Geheimschrift.

bfk-Geheimschrift:
Die Vokale wurden durch die nachfolgenden Konsonanten des lateinischen Alphabets ersetzt.
a -> b
e -> f
i -> k
o -> p
u -> x

cgl-Geheimschrift:
Die cgl-Geheimschrift funktionierte nach dem gleichen Prinzip wie die bfk- Verschlüsselung, jedoch wurde der übernächste Konsonant verwendet.
a -> c
e -> g
i -> l
o -> q
u -> y

Punkte-Geheimschrift:
Die Vokale werden durch Gruppen aus 1-5 Punkten ersetzt:
Die geometrische Anordnung entspricht derjenigen von antiken Spielwürfelflächen.

Es gibt zwei unterschiedliche Varianten der Aufschlüsselung:

Punkte-Geheimschrift Bonifatischer Modus Alphabetisch
i a
a e
e i
o o
u u


2. Totale Substitution
Die totale Substitution erfolgt durch die Ersetzung eines Schriftsystems durch die Zeichen eines anderen. Sie ist jedoch unbedeutend, da sie in althochdeutscher Schrift nur in Windnamenglossen von drei Handschriften bekannt ist.


Funktion

Es gibt keine umfassende Erklärung für die Verwendung der Geheimschrift in althochdeutschen Glossen. Aufgrund der leichten Durchschaubarkeit und der Tatsache, dass sie über Jahrhunderte hinweg nicht verändert wurde, ist sich die Forschung darüber einig, dass die Geheimschrift nicht der Geheimhaltung dienen konnte. Vielmehr wird sie oft als spielerische Form der Geheimhaltung betrachtet. Über die Frage, ob es sich um reine Spielerei bzw. Unterhaltung handelt oder ob ihr eine zusätzliche Funktion zukommt, können lediglich Vermutungen angestellt werden.
Aufgrund der Verwendung von Glossenkryptographie in Klosterschulen könnte es sich um eine pädagogische Spielerei in Form von Leserätseln oder Lehrspielen handeln.
Eine weitere Vermutung ist, dass man mit diesen Geheimschriften geistige Überlegenheit demonstrieren wollte. Außerdem wird vermutet, dass Geheimschriften genutzt wurden, um einerseits die Volkssprache, andererseits Obszönität zu verschleiern. Allerdings gibt es auch hier wiederum Argumente, die dagegen sprechen, so beispielsweise das geringe Vorkommen in dieser Funktion.
Als weiterer Verwendungszweck wird die Layoutfunktion vermutet. Die optische Hervorhebung der Sekundäreintragungen wird dadurch geschaffen, dass es sich nicht um eine deutsche oder lateinische Schriftsprache handelt.
Abschließend lässt sich sagen, dass es vielfältige Funktionen von Geheimschriften gab, die aber mit heutigen Verwendungszwecken nicht in Verbindung gebracht werden können.